Der Trick mit dem Wiedereinfüttern
Die Honigräume sind prall gefüllt, die Mädels haben Großartiges geleistet, und der Tag der Honigernte ist endlich da. Voller Vorfreude nimmst du das Refraktometer zur Hand, gibst einen Tropfen des frisch geschleuderten Goldes auf die Prismenfläche und blickst durch das Okular. Dann der kleine Dämpfer, der das Imkerherz kurz stolpern lässt: Die Skala zeigt unbarmherzige 20,5 % Wassergehalt.
Ein Blick in die rechtlichen Grundlagen bringt Gewissheit: Laut der deutschen Honigverordnung liegt die absolute Obergrenze für reifen Honig bei 20 % Wassergehalt (eine Ausnahme bildet hier lediglich der Heidehonig mit maximal 23 % Wassergehalt ). Doch Hand aufs Herz: Wir Imker wollen und dürfen uns nicht mit dem gesetzlichen Minimum zufriedengeben. Unser Anspruch ist Spitzenqualität, und die liegt idealerweise bei 17 % Wassergehaltoder sogar darunter.
In diesem Beitrag
Ist dein Honig zu feucht, wandert er dangerously nahe an die Gärungsgrenze. Unbemerkt abgefüllt können Hefen den Zucker in Alkohol und Kohlendioxid spalten – der Honig verdirbt im Glas, bildet Bläschen und fängt an, säuerlich zu riechen. Was also tun, wenn der Honig zu feucht ist, man diese kostbare Ernte aber absolut nicht abschreiben oder künstlich manipulieren möchte? Die Lösung liegt in der Natur selbst: Das Wiedereinfüttern und so den Wassergehalt senken. Lass einfach die besten Trocknungsexpertinnen der Welt die Arbeit noch einmal machen – deine eigenen Bienen.
Das biologische Prinzip: Wie die Bienen den Honig im zweiten Durchgang veredeln
Wenn wir den zu feuchten Honig zurück in den Bienenstock geben, passiert etwas Faszinierendes. Die Bienen kippen die klebrige Flüssigkeit nicht einfach eins zu eins stumpf in die nächstbeste freie Zelle. Für den Organismus des Bienenvolkes ist dieser flüssige Honig eine plötzlich sprudelnde, hochprozentige „Tracht“. Das bedeutet, dass der gesamte Einlagerungs-, Filter- und Veredelungsprozess von Neuem gestartet wird. Dieser biologische Kreislauf läuft in mehreren Stufen ab und senkt den Wassergehalt:
Die enzymatische Anreicherung in der Honigblase
Die Stockbienen nehmen den angebotenen Honig über ihren Rüssel auf. Er wandert direkt in die Honigblase, das körpereigene Transportorgan der Biene. Hier geschieht das eigentliche Wunder der Honigentstehung: Während des Transports und der Weitergabe von Biene zu Biene (Trophallaxis) fügen die Insekten dem Honig erneut wertvolle körpereigene Enzyme hinzu.
- Invertase: Spaltet die verbliebenen Saccharose-Reste weiter in Fructose und Glucose auf.
- Glucose-Oxidase: Sorgt für die Entstehung von geringen Mengen Wasserstoffperoxid, was dem Honig seine antibakterielle und konservierende Wirkung verleiht.
Durch diesen zweiten Durchlauf wird der Honig biologisch gesehen sogar noch hochwertiger und reifer als im ersten Anlauf.
Die Tröpfchen-Methode und das Fächeln
Um dem Honig das überschüssige Wasser zu entziehen, nutzen die Bienen eine ausgeklügelte physikalische Methode. Sie hängen den frischen, feuchten Honig zunächst in winzigen Tröpfchen und dünnen Schichten an den oberen Zellwänden auf. Dadurch maximieren sie die Oberfläche der Flüssigkeit.
Gleichzeitig formieren sich am Flugloch und auf den Wabenreihen Ketten von fächelnden Bienen. Durch den synchronisierten Schlag ihrer Flügel erzeugen sie einen kontinuierlichen, warmen Luftstrom im gesamten Brut- und Honigraum. Die warme Stockluft nimmt die verdunstende Feuchtigkeit des Honigs auf und transportiert sie gezielt nach draußen. Wer abends an einem solchen Volk vorbeigeht, kann den intensiven, warmen Honigduft riechen, der aus dem Flugloch strömt.
Die finale Zelldynamik und Verdeckelung
Erst wenn der Honig durch diesen intensiven Prozess die magische Reifegrenze erreicht hat – die erfahrungsgemäß bei etwa 16 bis 17 % Wassergehalt liegt –, transportieren ihn die Bienen in die finalen Lagerzellen um. Sobald die Zelle randvoll mit dem perfekt eingedickten Premium-Honig ist, wird sie mit einem luftdichten, schneeweißen Wachsdeckel versehen. Das Signal für den Imker: Jetzt ist er reif für die Ewigkeit.
Die Praxis-Anleitung: Schritt für Schritt zum perfekt trockenen Honig
Damit das Wiedereinfüttern reibungslos funktioniert und nicht in einer Katastrophe am Bienenstand endet, ist ein absolut strukturiertes und sauberes Vorgehen Pflicht.
Schritt 1: Den Honig vorbereiten (Die Viskositäts-Falle)
Reiner Honig mit einem Wassergehalt von über 20 % ist für uns Menschen flüssig, für die Bienen jedoch oft eine zähflüssige, klebrige Falle. Wird er unvorbereitet in ein Fütterungsgeschirr gegeben, können die Bienen die Viskosität nicht schnell genug bewältigen. Sie verkleben im Futter und verenden im schlimmsten Fall massenhaft. Honig besitzt zudem eine starke hygroskopische Eigenschaft, entzieht den Chitinpanzern der Insekten sofort die Feuchtigkeit und lähmt sie.
Der Profi-Trick: Gezielte Verdünnung
Um diese physikalische Barriere zu brechen, verdünnen wir den Honig ganz bewusst mit lauwarmem Wasser. Als Faustregel gilt hier ein Mischungsverhältnis von 50 ml bis maximal 100 ml Wasser pro Kilogramm Honig (Verhältnis von ca. 1:10 bis 1:20).
Bei einem klassischen 25-kg-Hobbock bedeutet das die Zugabe von ca. 1,5 bis 2 Litern Wasser. Verwende dafür unbedingt abgekochtes Wasser, das du auf etwa 35 °C bis 40 °C (handwarm) abkühlen lässt. Höhere Temperaturen würden die hitzeempfindlichen Enzyme im Honig zerstören und den HMF-Wert ungewollt in die Höhe treiben. Rühre die Mischung mit einem Honigrührstab so lange gründlich durch, bis ein homogener, dünnflüssiger Sirup entsteht.
Keine Sorge wegen des zusätzlichen Wassers: Die Bienen können diesen dünnen Sirup blitzschnell aufsaugen und trocknen die gesamte Feuchtigkeit im Stock mühelos wieder weg!
Schritt 2: Das richtige Fütterungsgeschirr wählen
Sicherheit geht vor. Verwende für diesen Prozess einen absolut sauberen Futterteigbehälter, eine ausreichend dimensionierte Futtertasche oder einen bewährten Aufstiegfütterer (wie beispielsweise den Liebig-Spade-Fütterer). Unabhängig vom System ist eine Sache überlebenswichtig: Biete den Bienen optimalen Halt. Nutze trotz der Verdünnung großzügig Schwimmhilfen wie saubere Naturkorken, lebensmittelechten Blähton oder Holzleisten. Keine Biene darf im Honig ertrinken.
Schritt 3: Die Fütterung ausschließlich in den Abendstunden
Dieser Punkt erlaubt keine Kompromisse. Füttere den Honig ausnahmslos spät abends ein, wenn der reguläre Bienenflug am Stand komplett eingestellt ist und die Dämmerung einsetzt.

Das Bild zeigt die praktische Durchführung der Notfütterung, Spätsommerfütterung oder Wiedereinfütterung in der Imkerei. Ein Imker füllt flüssiges Futter (verdünnten Honig) direkt am Bienenstand in die Futterzarge einer Magazinbeute, während die Bienen das Futter aufnehmen.
Nur spät abends einfüttern, um Räuberei zu vermeiden.
⚠️ ACHTUNG: EXTREME RÄUBEREIGEFAHR!
Honig hat im Gegensatz zu klarem Zuckerwasser oder Fertigsirup einen extrem starken, aromatischen Eigengeruch. Dieser Duft lockt binnen Minuten Suchbienen von Nachbarvölkern oder fremden Ständen an. Um eine unkontrollierbare Räuberei zu verhindern, musst du das Flugloch des gefütterten Volkes drastisch verengen (auf die Breite von maximal ein bis zwei Bienen). Achte darauf, dass die Beute absolut dicht ist und kleckere beim Einfüllen keinen einzigen Tropfen Honig außerhalb der Beute daneben!
Timing und Bienengesundheit: Worauf du unbedingt achten musst
Obwohl das Wiedereinfüttern eine traditionelle und naturnahe Methode ist, bedeutet es für das Bienenvolk eine spürbare körperliche Anstrengung. Deshalb müssen grundlegende imkerliche Regeln beachtet werden.
Das absolute Fremdhonig-Verbot
Es darf ausschließlich Honig eingefüttert werden, der zu 100 % aus deinem eigenen, gesunden Bestand stammt. Warum? Fremdhonig – auch solcher aus dem Supermarkt oder von unbekannten Quellen – kann die hochresistenten Sporen der Amerikanischen Faulbrut (AFB) enthalten. Für uns Menschen ist dieser Honig völlig harmlos und lecker, für deine Bienenvölker hingegen bedeutet er den seuchenpolizeilichen Untergang und das potenzielle Abbrennen des gesamten Standes.
Der richtige Zeitpunkt im Imkerjahr
Die beste Zeit für dieses Verfahren ist der Spätsommer, direkt im Anschluss an die letzte Abschleuderung im Juli oder August. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich noch zehntausende langlebige Sommerbienen im Volk.
Vermeide es tunlichst, diesen Prozess spät im Jahr (ab Mitte September) durchzuführen. Das Fächeln, Umtragen und Eindicken kostet die Bienen enorm viel Energie und führt zu einem vorzeitigen körperlichen Verschleiß. Müssen die frisch geschlüpften Winterbienen diese harte Arbeit verrichten, altern sie vorzeitig. Sie sterben dann mitten im Winter oder im zeitigen Frühjahr ab, was die erfolgreiche Auswinterung des gesamten Volkes massiv gefährdet. Überlasse diese Arbeit den Sommerbienen, die ohnehin bald ihr Lebensende erreichen.
Wie lange dauert der Prozess?
Die Dauer des Rücktrocknens hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab:
- Die Volksstärke: Nur ein starkes, weiselrichtiges Wirtschaftsvolk hat genügend Kapazitäten für diese Arbeit.
- Die Witterung: Je wärmer und trockener die Außentemperatur, desto mehr Feuchtigkeit kann die Stockluft aufnehmen.
- Die Honigmenge: Füttere immer in moderaten Portionen.
Ein vitales Volk schafft es bei sommerlichen Temperaturen, eine Menge von ca. 5 bis 10 Kilogramm des vorbereiteten Honigs innerhalb von 3 bis 5 Tagen komplett aufzunehmen, umzuarbeiten, in den Honigraum einzulagern und sauber zu verdeckeln. Bei kühler oder feuchter Witterung kann sich dieser Prozess auf gut eine Woche hinziehen.
Die Mathematik dahinter: Die physikalische Bonusrechnung
Um zu verstehen, welche logistische Meisterleistung die Bienen hier vollbringen, werfen wir einen Blick auf die nackten Zahlen. Wie viel Wasser müssen die Bienen rein rechnerisch aus dem Honig heraustrocknen, um den Wassergehalt von zu feuchten 20,5 % auf ideale 17 % zu senken?
Das lässt sich mit einer einfachen Massenbilanz der Trockensubstanz ermitteln. Wir starten beispielhaft mit 1.000 g Honig bei einem Wassergehalt von 20,5 %.
Das bedeutet im Ausgangszustand:
- Wasseranteil: 205 g
- Trockensubstanz (Zucker, Enzyme, Pollen): 795 g
Diese 795 g reine Trockensubstanz bleiben während des gesamten Prozesses unverändert. Sie sollen jedoch im fertigen Zielhonig genau 83 %/100 % – 17 % gewünschter Wassergehalt der neuen Gesamtmasse ausmachen.
Ziel-Gesamtmasse = 795 g / 0,83 = 957,83 g
Das bedeutet, von den ursprünglichen 1.000 g Honig müssen die Bienen folgendes Gewicht an reinem Wasser verdunsten und aus dem Stock transportieren:
1.000 g – 957,83 g = 42,17 g
Das beeindruckende Ergebnis: Pro Kilogramm Honig müssen die Bienen rein rechnerisch rund 42 Gramm reines Wasser über die Stockluft nach draußen fächeln. Wenn du einen klassischen 25-kg-Hobbock feuchten Honigs auf diese Weise nachbessern lässt, müssen die Bienen (zusammen mit unserem zugesetzten Verdünnungswasser) etwas mehr als einen ganzen Liter Wasser aus den Waben heraustrocknen! Eine logistische und physische Meisterleistung des Superorganismus Bienenvolk.
Fazit: Lohnt sich das Wiedereinfüttern?
Das Wiedereinfüttern ist eine hervorragende, absolut wesensgemäße und biologische Methode, um zu feuchten Honig zu retten. Du verzichtest damit komplett auf technische Honigtrockner (wie Kondensationstrockner oder Vakuumverdampfer), die in Imkerkreisen sowie vom Deutschen Imkerbund (DIB) aufgrund der Wärmebelastung und des potenziellen Qualitätsverlustes oft kritisch betrachtet werden.
Wenn du die Räubereigefahr konsequent im Blick behältst, ausnahmslos eigenen Honig verwendest und den Sommerbienen die Arbeit rechtzeitig überlässt, bedankt sich dein Volk mit einem perfekt reifen, absolut gärungssicheren und biologisch maximal aufgewerteten Premium-Honig. Ein ehrliches Naturprodukt, das du mit stolzer Brust und bestem Gewissen an deine Kunden abgeben kannst.
Quellen & Weiterführende Literatur
- Deutsche Honigverordnung (HonigV): § 2 sowie Anlage 1 (Abschnitt II) – Qualitätsmerkmale und maximal zulässiger Wassergehalt.
- Länderinstitut für Bienenkunde (Hohenheim/Celle/Mayen): Fachinformationen zur Honigreifung und Vermeidung von Honiggärung durch zu hohen Wassergehalt.
- Dr. Gerhard Liebig:„Einfach imkern“ – Praktische Leitfäden zur Spätsommerpflege, Fütterungstechnik und Völkerführung.
- Dr. Friedrich Pohl:„Die Honigmacher“ & „Honig: Entstehung, Gewinnung, Verwertung“ – Kosmos Verlag (Detaillierte Einblicke in die enzymatische Aktivität und physikalische Trocknungsprozesse im Bienenstock).
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