
Die Gestaltung inklusiver und interkultureller Begegnungsräume stellt eine zentrale Herausforderung und Chance der kommunalen Stadtentwicklung dar. Der für den 13. September 2026 terminierte 6. „Kulturmarkt der Vielfalt“ im Bürgerzentrum Haus unter den Linden (HudL) in Herford bildet eine funktionale Fallstudie für das Zusammenspiel von zivilgesellschaftlichem Engagement, Wohlfahrtspflege und kommunaler Steuerung. Die Veranstaltung dient als hybrides Forum, das zwei wesentliche Stränge der gesellschaftlichen Teilhabe zusammenführt: die physische und soziale Inklusion von Menschen mit Behinderungen sowie die kulturelle und gesellschaftliche Integration von Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund.
Die methodische Ausrichtung des Kulturmarktes basiert auf dem Prinzip der niederschwelligen Partizipation. Anstatt Inklusion als ein rein administratives oder barrierefreies Infrastrukturprojekt zu behandeln, nutzt das veranstaltende „Netzwerk Inklusion“ kulturpädagogische, musikalische und kulinarische Medien als Vehikel für den Abbau sozialer Distanzen. Die langfristige Ansetzung des Veranstaltungstermins auf September 2026 verdeutlicht die Etablierung des Kulturmarktes als fest verankertes, periodisches Format innerhalb des Wittekindskreises Herford.
In diesem Artikel
Akteursnetzwerke und institutionalisierte Governance
Die Tragfähigkeit des Kulturmarktes der Vielfalt beruht auf einer vielschichtigen Governance-Struktur, die sowohl öffentliche Entscheidungsträger als auch freie Träger der Wohlfahrtspflege, Selbsthilfeorganisationen und zivilgesellschaftliche Initiativen einbindet. Federführend für die Organisation zeichnet das regionale „Netzwerk Inklusion“, ein Zusammenschluss, der Inklusion als Querschnittsaufgabe versteht und regelmäßige Vernetzungsprozesse auf kommunaler Ebene koordiniert.
Die Eröffnung des Marktes durch administrative Repräsentanten wie den Beigeordneten Patrick Puls sowie Vertreterinnen des Netzwerks (Judith Stallner und Martina Nickles) unterstreicht die kommunalpolitische Verankerung der Initiative. Diese symbolische und operative Verknüpfung verdeutlicht, dass Teilhabe auf Kreisebene als Gemeinschaftsaufgabe von Politik, Verwaltung und Freier Wohlfahrt konzipiert wird.
| Akteursebene | Beteiligte Organisationen / Personen | Funktion und Aufgabenbereich im Netzwerk |
| Veranstalter & Koordination | Netzwerk Inklusion (Moderation: Martina Nickles, Judith Stallner) | Gesamtkonzeption, Vernetzung der Akteure und argumentative Rahmung. |
| Kommunale Steuerung | Stadt Herford (Beigeordneter Patrick Puls), Beirat für Menschen mit Behinderungen, Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration | Politische Verankerung, administrative Rückendeckung und Überwachung von Teilhabestandards. |
| Freie Wohlfahrtspflege | Lebenshilfe Herford (Herforder Werkstätten), Wittekindshof, Bethel regional | Bereitstellung von Kulturbeiträgen, Betrieb von Verkaufsständen und Bereitstellung inklusiver Arbeitsergebnisse. |
| Fach- & Beratungsinstanzen | Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben (KSL-OWL), Paritätisches Selbsthilfe-Büro | Fachliche Beratung, Rechteaufklärung und Unterstützung der Selbstvertretung. |
| Zivilgesellschaft & Kultur | Terres des Hommes, Welcome-Café, Kinder- und Jugendzirkus der TGH, GBSG Herford e. V. | Interkulturelle Begegnungsangebote, sportliche Mitmach-Stationen und zirkuspädagogische Aktionen. |
| Förderer & Sponsoren | Stiftung „Zukunft im Wittekindskreis“, KULTUR HERFORD gGmbH (historisch auch Aktion Mensch) | Projektfinanzierung, Bereitstellung von Infrastrukturmitteln und Absicherung des Ausfallrisikos. |
Die institutionelle Kooperation erstreckt sich über ein breites Spektrum lokaler und regionaler Akteure. So agieren große Wohlfahrtsverbände und Stiftungseinrichtungen nicht nur als traditionelle Leistungserbringer der Eingliederungshilfe, sondern als aktive Gestalter des kulturellen Programms. Ergänzt wird dieses Netzwerk durch spezialisierte Fach- und Beratungsstellen wie das Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben für den Regierungsbezirk Detmold (KSL-OWL), das Paritätische Selbsthilfe-Büro sowie den lokalen Beirat für Menschen mit Behinderungen. Finanziell und strukturell wird die Ausrichtung durch eine Kombination aus kommunalen Kulturförderungsmitteln der KULTUR HERFORD gGmbH und stiftungsbasierten Zuwendungen der Stiftung „Zukunft im Wittekindskreis“ abgesichert.
Programmdynamik und partizipative Dramaturgie
Das Bühnenprogramm des Kulturmarktes ist als zeitlich gestaffelte Dramaturgie konzipiert, die unterschiedliche Zielgruppen anspricht und schrittweise von kinder- und familienzentrierten Angeboten zu komplexeren sozio-kulturellen Aufführungen überleitet. Die gezielte Mischung aus kommerziell erfolgreichen regionalen Künstlern, inklusiven Ensemble-Projekten und interkulturellen Musikgruppen verhindert eine Stigmatisierung als bloße „Förderveranstaltung“ und etabliert das Event als ein reguläres Kulturfest.
| Beginn | Programmpunkt / Akteure | Genre / Format | Kultureller und sozialer Kontext |
| 11.00 Uhr | Begrüßung durch das Netzwerk Inklusion (P. Puls, J. Stallner, M. Nickles) | Offizieller Festakt / Eröffnung | Kommunalpolitische Positionierung und Rahmung der Inklusionsziele. |
| 11.30 Uhr | Randale | Rockmusik für Kinder | Niederschwelliger Einstieg; seit 22 Jahren etablierte Band mit breitem Stilmix (Rock, Punk, Reggae). |
| 12.15 Uhr | Samba-SoLe | Percussion / Rhythmusgruppe | Rhythmische Mobilisierung; inklusives Ensemble des Wittekindshofs mit südamerikanischen Einflüssen. |
| 13.00 Uhr | Sabine Althoff | Partizipativer Gesang („Einfach mitsingen!“) | Abbau von Leistungserwartungen; Erzeugung von Gemeinschaftsgefühl durch kollektives Singen. |
| 14.00 Uhr | Theatergruppe Lebenslust | Inklusives Theater (Szenen aus „Sister Act“) | Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung auf der Bühne; Ensemble der Herforder Werkstätten / Lebenshilfe. |
| 15.00 Uhr | Koma Kurdî | Kurdische Volksmusik | Interkulturelle Öffnung; Repräsentation der regionalen kurdischen Diaspora und Pflege immateriellen Kulturerbes. |
Die Detailanalyse der einzelnen Programmpunkte verdeutlicht vielschichtige Wirkungsmechanismen bezüglich der gesellschaftlichen Teilhabeförderung. Die Aufführung von Szenen aus dem Musical „Sister Act“ durch die seit 2023 aktiven Schauspielerinnen der Theatergruppe „Lebenslust“ der Herforder Werkstätten bricht mit veralteten Defizitperspektiven. Indem Menschen mit intellektuellen oder körperlichen Beeinträchtigungen als agierende Künstlerinnen auftreten, wird ihre Selbstwirksamkeit gestärkt und dem Publikum ein Perspektivwechsel vermittelt.
Der Auftritt der Formation „Koma Kurdî“ bedient gleichzeitig die funktionale Integration geflüchteter und eingewanderter Bevölkerungsgruppen. Durch die Darbietung traditioneller Volksmusik wird die kulturelle Identität der kurdischen Gemeinschaft gewürdigt und im öffentlichen Raum Herfords verankert. Die durchgängige Präsenz von Gebärdensprachdolmetscher*innen garantiert den barrierefreien Zugang für gehörlose und schwerhörige Menschen, während Formate wie das offene Mitsingen unter der Leitung von Sabine Althoff eine unmittelbare emotionale Aktivierung aller Anwesenden ohne Vorkenntnisse fördern. Parallel stehen über die gesamte Veranstaltungsdauer hinweg Bewegungsstationen der Gesundheits- und BehindertenSportGemeinschaft Herford e. V. (GBSG) sowie zirkuspädagogische Angebote (Jonglage, Stelzenlauf) des Kinder- und Jugendzirkus der TGH zur Verfügung.
Raumsoziologie, Erreichbarkeit und Infrastruktur des Veranstaltungsorts
Das Bürgerzentrum Haus unter den Linden (HudL) in Herford bildet für das Format des Kulturmarktes den optimalen räumlichen Rahmen. Historisch in der Herforder Altstadt zwischen der Renntorwallstraße und den historischen Wallanlagen („Unter den Linden“) gelegen, blickt das Gebäude auf eine über vierzigjährige Tradition als sozio-kultureller Knotenpunkt zurück. Nach seiner umfassenden Sanierung im Jahr 2001 wurde das Areal konsequent barrierefrei gestaltet, was es zu einer Schlüsselressource für inklusionsorientierte Großveranstaltungen macht.
Die räumliche Anordnung kombiniert Innenräume mit angrenzenden Freiflächen am Wall, sodass parallel zur Hauptbühne verschiedene Aktions-, Info- und Verkaufszonen eingerichtet werden können. Die infrastrukturelle Erschließung ist differenziert organisiert, um den spezifischen Mobilitätsbedürfnissen von Menschen mit Einschränkungen gerecht zu werden.
| Logistischer Aspekt | Ausprägung / Spezifikation | Bewertung der Barrierefreiheit & Inklusionsfunktion |
| Anreise per ÖPNV | Haltestelle „Alter Markt“; Fußweg über Clarenstraße und Renntorwallstraße (ca. 200 m). | Leichte Orientierung durch Ausschilderung; barrierefreie Anbindung an das städtische Busnetz für nicht-motorisierte Besucher. |
| Parkraum 1: Renntorwallstraße 11 | Unmittelbare Nähe zum Bürgerzentrum. | Bevorzugte Option für Personen mit Gehbehinderung und Ehrenamtliche; kapazitativ stark limitiert. |
| Parkraum 2: Friedhofstraße 2 | Ausweichparkplatz in fußläufiger Distanz. | Zeitlich begrenzt; entlastet das direkte Wohnumfeld im Wallbereich. |
| Parkraum 3 & 4: Hermannstraße / Stelzenhaus | Parkplatz Hermannstraße 9A sowie Elverdisser Straße 1–3. | Kostenpflichtige (z. B. Tagesticket 2 €) bzw. zeitlich begrenzte Ausweichkapazitäten für Besucherströme. |
| Gebäudeausstattung | Stufenfreie Zugänge, behindertengerechte Sanitäranlagen, integriertes Café HudL. | Vollständige bauliche Barrierefreiheit ermöglicht autonome Orientierung aller Besuchergruppen. |
Die funktionale Barrierefreiheit des HudL erstreckt sich über die architektonischen Gegebenheiten hinaus auf die gastronomische und soziale Infrastruktur. Das im Gebäude verankerte „Café HudL“ stellt eine kontinuierliche Verpflegungssicherheit bereit, während die Freiflächen entlang der Wallanlage ausreichend Bewegungsraum für Rollstuhlfahrer*innen, Kinderwagen und interaktive Stationen bieten.
Mikroökonomie, Information und interkulturelle Marktstrukturen
Der Marktbereich des Kulturmarktes erfüllt eine Doppelfunktion: Er ist einerseits Informations- und Bildungsbörse für sozialpolitische Themen und dient andererseits als Wirtschaftssammler für inklusive Werkstätten, Kunsthandwerker und lokales Gewerbe. Durch den Verkauf von Eigenprodukten erlangen Einrichtungen der Behindertenhilfe und zivilgesellschaftliche Akteure eine direkte ökonomische und soziale Sichtbarkeit.
| Markt- & Ständekategorie | Beteiligte Akteure & Angebote | Sozialer und ökonomischer Nutzen |
| Inklusive Produktion & Werkstätten | Produkte aus den Herforder Werkstätten (Lebenshilfe Herford) und dem Wittekindshof. | Wertschätzung inklusiver Arbeit; Generierung von Einnahmen für werkstatteigene Projekte. |
| Lokales Handwerk & Kreativität | Kreativstände aus dem Bürgerzentrum HudL, des Paritätischen Selbsthilfe-Büros und heimische Imkereiprodukte des Imkerverein Herford. | Förderung der lokalen Mikroökonomie und Niederschwelliger Zugang zu Kreativangeboten. |
| Fair Trade & Globale Solidarität | Handgearbeitetes, Selbstgebasteltes und fair gehandelte Waren aus aller Welt (z. B. Afrika). | Verknüpfung lokaler Inklusion mit globalen Entwicklungs- und Gerechtigkeitsfragen. |
| Sozial- & Inklusionsberatung | KSL-OWL, Beirat für Menschen mit Behinderungen (Inklusionsquiz), Bethel regional, GBSG Herford. | Niederschwellige Aufklärung über gesetzliche Rechte, Teilhabeangebote und Gesundheitsförderung. |
| Integration & Interkulturalität | Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration, Welcome-Café, Terres des Hommes. | Abbau von Vorurteilen, Beratung für Geflüchtete und Schaffen von Begegnungsräumen im öffentlichen Raum. |
| Gastronomie & Verpflegung | Orientalisches Essen (Falafel, Salate), Bratwurst vom Grill, Tee, Kaffee und Kuchen. | Kulinarischer Pluralismus als Brücke für interkulturelle Kontaktaufnahme an gemeinsamen Speisetischen. |
Das kulinarische Angebot spiegelt die Leitidee der Vielfalt wider. Die Kombination aus traditionellen Grillspezialitäten, orientalischen Gerichten sowie Kaffee und Kuchen schafft Begegnungszonen, in denen Barrieren zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im informellen Rahmen abgebaut werden. Interaktive Elemente wie das Inklusionsquiz des Beirats für Menschen mit Behinderungen übersetzen komplexe gesellschaftspolitische Fragestellungen zudem in spielerische Vermittlungsformate.
Strategische Bewertung
Der 6. Kulturmarkt der Vielfalt im Bürgerzentrum Haus unter den Linden erweist sich als ein hocheffizientes Instrument zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf kommunaler Ebene. Durch die konsequente Verschränkung von Behindertenhilfe, interkultureller Arbeit und städtischer Kulturförderung gelingt es der Stadt Herford und dem Netzwerk Inklusion, gesellschaftliche Segregationstendenzen abzubauen.
Zusammenfassend demonstriert der Herforder Kulturmarkt der Vielfalt, wie kommunale Kulturarbeit als Katalysator für eine gerechtere, inklusivere und sozial zusammenhaltende Stadtgesellschaft agieren kann.
Quellen
- teutonavigator.de Haus unter den Linden – Teuto-Navigator
- lebenshilfe-herford.de Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung – Voller Einsatz für ein gleichberechtiges Miteinander – Lebenshilfe Herford e. V.
- ksl-nrw.de Inklusiver Kulturmarkt in Herford – KSL.NRW
- lebenshilfe-herford.de Inklusiver Kulturmarkt – Lebenshilfe Herford
- tragwerk-lb.de Netzwerk Inklusion Schwere Sprache | Tragwerk e.V. Ludwigsburg
- de.wikipedia.org Haus unter den Linden – Wikipedia
- sarkoidose-netzwerk.de Anfahrtskizze zur Regionalgruppe OWL im „Haus unter den Linden“ – Sarkoidose Netzwerk e.V.
- teutoburgerwald.de Café HudL – Teutoburger Wald
- kultur-und-inklusion.net Netzwerk Kultur und Inklusion
- kultur-und-inklusion.net Netzwerk Kultur und Inklusions – Dokumentationt




