
Herbstzeit ist Pilzzeit, und nach den kräftigen Regenfällen sowie den stürmischen Tagen der vergangenen Woche zeigte sich der Herforder Stuckenberg von seiner ergiebigsten Seite. 15 Naturbegeisterte aus den Reihen des Imkervereins Herford machten sich gemeinsam auf den Weg, um den Wald aus einer ungewohnten Perspektive zu erkunden und mehr über den Imkerverein Herford zu erfahren. Bei kühlen 11 Grad Celsius blieb es trocken, und zwischendurch brach immer wieder die Sonne durch das bunte Blätterdach. Unter der fachkundigen Leitung des Pilzexperten Markus Pischel verwandelte sich der Spaziergang zwischen Hotel Waldesrand und Bismarckturm in eine Lehrstunde über das komplexe Zusammenspiel von Waldboden, Pilzen und Insekten.
In diesem Artikel
Treffpunkt am Waldrand: Perfekte Bedingungen nach Sturm und Regen
Ausgangspunkt der herbstlichen Exkursion war der Schlagbaum auf dem Waldweg zwischen dem Hotel Waldesrand und dem Herforder Bismarckturm. Der herbstliche Buchen- und Mischwald bot an diesem Sonntag optimale Bedingungen: Die feuchte Witterung der Vortage hatte das Myzel im Boden aktiviert, sodass die Gruppe im Unterholz buchstäblich Hunderte von Fruchtkörpern entdecken konnte.
Mit Sammelkörben, festem Schuhwerk und wachen Augen zogen die 15 Teilnehmer los[cite: 1, 11]. Schnell wurde klar, dass es bei dieser Wanderung um weit mehr ging als um das bloße Füllen einer Pfanne für das Abendessen. Pilze sind die heimlichen Regisseure des Waldökosystems. Sie zersetzen organisches Material, liefern Nährstoffe an Baumwurzeln und greifen tief in das Leben jener Insekten ein, die auch für uns Imker von Bedeutung sind.
Besondere Funde: Von schimmerndem Blau bis zu verborgenen Parasiten
Wer mit Markus Pischel durch den Stuckenberg geht, lernt rasch, den Blick für die feinen Details am Wegesrand zu schärfen. Zwischen feuchtem Laub, an bemoosten Hängen und auf morschen Baumstümpfen gab es Arten zu sehen, an denen Spaziergänger sonst achtlos vorbeigehen.
Blauer Träuschling und Lilaschneidiger Helmling
Ein optischer Höhepunkt im feuchten Buchenlaub war der Blaue Träuschling. Mit seiner glänzenden, schleimigen Huthaut und dem blaugrünen Farbton wirkt dieser Pilz im braunen Herbstlaub fast unwirklich. Junge Exemplare besitzen am Hutrand weiße Flöckchen, die wie winzige Schneeflocken auf der klebrigen Schicht haften. Der Blaue Träuschling ernährt sich von verrottenden Pflanzenresten und leistet so wichtige Arbeit beim Humusaufbau im Buchenwald.
Wenig später stieß die Gruppe auf den zarten Lilaschneidigen Helmling. Er wächst bevorzugt auf stark vermoortem Nadel- oder Mischholz. Auf den ersten Blick wirkt er unscheinbar braunviolett, doch beim vorsichtigen Wenden offenbart sich das Bestimmungsmerkmal: Die feinen Kanten seiner Lamellen sind satt rotbraun bis violett gesäumt. Helmlinge gehören zu den kleinsten Holzzersetzern und sind wichtige Indikatoren für feuchte, naturnahe Waldabschnitte.
Die Binsenkeule: Schlanker Faden im Eichenlaub
Fast wäre sie übersehen worden: Zwischen nassen Eichenblättern streckten sich die fadenförmigen Fruchtkörper der Binsenkeule empor. Dieser Pilz bildet keine klassischen Hüte, sondern dünne, gelbliche bis ockerfarbene Hohlkörper, die mehrere Zentimeter hoch werden können. Binsenkeulen zersetzen abgefallene Blätter und Zweige direkt in der obersten Streuschicht. Sie zeigen, wie lebendig der Waldboden selbst auf kleinstem Raum arbeitet.
Stachelige Hirschtrüffel und Kopfige Kernkeule: Eine spannende Partnerschaft
Für besonderes Staunen sorgte ein Fund, der tief im Boden verborgen lag: die Stachelige Hirschtrüffel. Diese runden, warzigen Knollen wachsen unterirdisch und bleiben dem menschlichen Auge meist verborgen. Für Wildschweine und Rehe sind sie ein begehrter Leckerbissen, den die Tiere mit feiner Nase wittern und ausgraben.

Foto: Rainer Rockstroh | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Foto: Rainer Rockstroh | Lizenz: CC BY-SA 4.0



Dass die Gruppe überhaupt fündig wurde, lag an einem Verräter: der „Kopfigen Kernkeule“. Dieser Pilz besitzt einen gelblichen Stiel und einen kugeligen, dunklen Kopf. Er wächst oberirdisch aus dem Moos, hat seine Basis jedoch direkt in der Hirschtrüffel verankert. Die „Kopfige Kernkeule“ parasitiert die unterirdische Trüffel, zapft ihre Nährstoffe ab und bringt so die Existenz des unterirdischen Pilzes ans Tageslicht. Ein aufgeschnittenes Exemplar zeigte im Querschnitt deutlich die dunkle Sporenmasse im Kern der Trüffel und den angewachsenen Stiel des Schmarotzers.
Totholzbewohner und Zersetzungskünstler
Auch das liegende Totholz im Stuckenberg steckte voller Leben. Auf alten Baumstümpfen entdeckten die Teilnehmer auffällige Baumpilze mit samtig dunkler Oberfläche und leuchtend gelb-orangem Wachstumsrand. Daneben wuchsen schleimige Lamellenpilze auf herabgefallenen Ästen. Solche Pilze sind das Abrissunternehmen des Waldes. Sie knacken das widerstandsfähige Lignin und die Zellulose des Holzes und machen den Weg frei für nachfolgende Mikroorganismen.
Warum interessieren sich Imker für Pilze?
Auf den ersten Blick haben Bienen und Pilze wenig Berührungspunkte, schließlich fliegen Honigbienen auf bunte Blüten und sammeln Nektar sowie Pollen. Betrachtet man jedoch das gesamte Ökosystem, wird schnell deutlich, wie eng beide Lebensformen miteinander verknüpft sind.
Totholz schafft Nistraum für Wildbienen
Pilze schaffen die Grundlagen für viele Insektenarten. Baumpilze und Schimmelarten zersetzen hartes Totholz so weit, dass es weich und mürbe wird. Genau dieses mürbe Holz benötigen zahlreiche Totholz bewohnende Wildbienen, etwa die Blaue Holzbiene oder spezialisierte Mauerbienenarten. Sie nagen ihre Nistgänge in alte Äste und Baumstümpfe, die zuvor von Pilzen vorbereitet wurden. Ohne aktive Holzpilze gäbe es im Wald kaum geeignete Nistplätze für diese bedrohten Bestäuber.
Bienen nutzen Myzel als Hausapotheke
In den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft faszinierende Verbindungen zwischen Bienen und Pilzen aufgedeckt. Freilandbeobachtungen zeigen regelmäßig, dass Honigbienen gezielt feuchtes Totholz oder den Waldboden anfliegen, um dort Wassertröpfchen aufzunehmen, die aus Pilzmyzelien austreten.
Studien belegen, dass Extrakte aus bestimmten Baumpilzen, wie etwa dem Zunderschwamm oder dem Lackporling, das Immunsystem von Honigbienen stärken können. Die darin enthaltenen antiviralen Substanzen helfen den Bienen nachweislich dabei, gefährliche Krankheitserreger wie das Flügeldeformationsvirus (DWV) besser abzuwehren. Pilze sind für Bienen also eine Art natürliche Waldapotheke.
Mykorrhiza: Gesunde Baumwurzeln bringen Honigtau
Auch für den klassischen Waldhonig spielen Pilze eine wichtige Rolle. Bäume wie Fichten, Tannen, Eichen und Linden leben in einer engen Symbiose mit Bodenpilzen, der sogenannten Mykorrhiza. Die Pilzfäden umspinnen die Baumwurzeln, liefern Wasser und Mineralstoffe und erhalten im Gegenzug Traubenzucker aus der Photosynthese des Baumes.
Nur ein Baum, der durch ein starkes Pilzgeflecht gut mit Wasser und Nährstoffen versorgt ist, kann kräftig wachsen und ausreichend Saft produzieren. Diesen Saft saugen Rindenläuse und Blattläuse an, die wiederum die zuckerhaltigen Tropfen ausscheiden: den Honigtau, aus dem unsere Bienen den dunklen, würzigen Waldhonig eintragen. Ohne die fleißigen Pilze im Boden gäbe es somit oft auch keine ertragreiche Waldtracht.
Sicherheit geht vor: Was Pilzsammler beachten müssen
Die Begeisterung der Gruppe war groß, dennoch mahnte Pilzsachverständiger Markus Pischel während der gesamten Tour zu Vorsicht und Respekt[cite: 1, 11]. Wer im Wald Pilze für die Küche sammelt, muss absolut sicher sein.
- Keine Experimente bei der Bestimmung: Viele essbare Pilze haben hochgiftige Doppelgänger. Ein einziger Knollenblätterpilz im Korb kann tödlich sein. Wer sich bei einem Merkmal unsicher ist, lässt den Pilz im Wald stehen.
- Nur frische Exemplare ernten: Auch ein ungiftiger Speisepilz kann schwere Beschwerden hervorrufen, wenn er zu alt oder von Schimmel befallen ist. Eine echte Pilzvergiftung entsteht häufig schlicht durch verdorbenes Pilzeiweiß.
- Schonend ernten: Pilze sollten vorsichtig herausgedreht oder knapp über dem Boden abgeschnitten werden. Das Loch im Boden wird am besten wieder mit etwas Moos oder Laub verschlossen, damit das unterirdische Pilzgeflecht vor dem Austrocknen geschützt bleibt.
- Luftige Körbe nutzen: Plastiktüten sind für den Pilztransport völlig ungeeignet. Darin staut sich Wärme und Feuchtigkeit, wodurch das empfindliche Eiweiß rasend schnell zersetzt wird. Ein luftiger Korb aus Weidengeflecht ist die beste Wahl.
- Fundstellen schonen: Das massenhafte Abernten ganzer Waldbereiche schadet der Natur. Im Wald gilt die Handstraußregel: Sammeln ist nur für den persönlichen Bedarf in kleinen Mengen erlaubt.
Ein gelungener Herbstausflug mit bleibenden Eindrücken
Nach rund zweieinhalb Stunden im herbstlichen Stuckenberg kehrten die 15 Teilnehmer mit vielen neuen Eindrücken zum Ausgangspunkt am Hotel Waldesrand zurück. Die Kombination aus Fachwissen, frischer Waldluft und herbstlichen Sonnenstrahlen machte den Ausflug zu einem vollen Erfolg. Die Exkursion hat gezeigt, wie spannend der Blick über den eigenen Tellerrand ist. Wer als Naturfreund oder Bienenhalter verstehen will, wie ein Wald funktioniert, kommt an den Pilzen nicht vorbei.
Der Imkerverein Herford bedankt sich herzlich bei Markus Pischel für die fachkundige, lehrreiche und kurzweilige Führung durch das Herforder Revier. Die nächste Gelegenheit zum Austausch bietet sich bei unseren regelmäßigen Monatstreffen im Vereinslokal „Die Knolle“ am Rathausplatz 1. Gäste und Naturinteressierte sind jederzeit willkommen.
Der Pilzverein Herford trifft sich jeden 1. Montag im Monat im Hotel Waldesrand im Raum Bismarck. Auch hier sind Interessierte und Ratsuchende herzlich willkommen.
Wir wiederholen diesen organisierten Moshroom-Walk gerne im September 2027.












































