
Ein Bild des Herforder Rathausplatzes während umfangreicher Bauarbeiten. Quelle: Eigener Bericht. Autor: Rainer Rockstroh. Lizenz: Alle Rechte vorbehalten.
Ein Vormittag mit Mathias Polster ist wie ein Blick in ein perfekt ausgebautes Bienenvolk: Überall entdeckt man faszinierende Strukturen. Der Imkerverein Herford traf sich am 18.04.2026 zur Innenstadtführung mit Mathias Polster. Begleiten Sie uns auf diese Tour durch die Hansestadt, bei der uns erzählt wurde, warum das Rathaus einem Schloss gleicht, warum die Äbtissinnen vermutlich die größten Honig-Händlerinnen der Region waren und was das alles mit unserem flüssigen Gold zu tun hat.
Wer heute über den Rathausplatz schlendert, ahnt kaum, dass er sich in einem architektonischen Prestigeprojekt des frühen 20. Jahrhunderts befindet. Das Ensemble rund um den Platz wurde um 1913 ganz bewusst wie eine herrschaftliche Residenz geplant, um den neuen Stolz der Bürger zu zeigen.
Der herrschaftliche Bauplan: Schloss, Stall und Kirche
Wenn man auf dem Platz steht, erkennt man eine klare Symmetrie, die Mathias Polster uns lebendig vor Augen geführt hat:
- Links – Das Schloss: Das heutige Rathaus wurde optisch einem Schloss nachempfunden. Es repräsentiert die Verwaltung und die Macht der Bürgerschaft.
- Rechts – Die Stallungen: Die heutige Markthalle wirkt wie ein Marstall (herrschaftliche Stallungen). Wo heute Markttreiben herrscht, sollte optisch ritterlicher Glanz einziehen.
- Im Hintergrund – Das Fundament: Über allem thront die Münsterkirche, die das historische Zentrum bildet.
Das Rätsel der Ausrichtung: Warum immer nach Osten?
Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Unser Münster ist, wie fast alle mittelalterlichen Kirchen, in Ost-West-Richtung gebaut. Für uns Imker ist dieses Prinzip der „Ostung“ vertraut – richten wir doch unsere Fluglöcher oft nach Südosten aus, um die erste Morgensonne zu nutzen. Bei der Kirche hatte dies tiefe Symbolik: Der Osten ist der Ort des Sonnenaufgangs, ein Symbol für das Licht und die Auferstehung.
Steinbruchhoheit und Kapillarsperre
Die Äbtissinnen besaßen die „Steinbruchhoheit“. Sie ließen harten Diabas und Basalt (vulkanischen Ursprungs) heranschaffen. Diese dunklen Steine im Sockel dienten als Kapillarsperre: Sie verhinderten, dass Feuchtigkeit im Mauerwerk aufstieg. Eine bautechnische Meisterleistung, die das Münster seit über 1000 Jahren trocken hält – so wie wir darauf achten, dass unsere Völker keine „nassen Füße“ bekommen.
Infobox: Der „Süße Schatz“ des Stifts
Haben Sie sich schon einmal gefragt, woher das ganze Wachs und die Süße für die Klosterküche kamen? Im Mittelalter war Honig das einzige Süßungsmittel und Wachs die einzige saubere Lichtquelle. Eine einzige große Altarkerze verbrauchte so viel Wachs, wie ein Bienenvolk in einer Saison produziert. Die Äbtissinnen müssen riesige Zeideleien (Waldimkereien) kontrolliert haben. Herford war damals nicht nur ein Machtzentrum, sondern ein gigantischer Umschlagplatz für flüssiges Gold!
Die „Königinnen“ des Stifts
Ohne diese starken Frauen gäbe es Herford nicht. In einer Zeit, in der Frauen kaum Rechte hatten, regierten hier Äbtissinnen wie echte Monarchinnen:
| Name | Zeit | Bedeutung |
| Haduwy (Hedwig) | um 858 | Zielstrebig wie eine Weiselprobe: Sie machte Herford zum Wallfahrtsort. |
| Mathilde die Heilige | um 900 | Spätere Königin. Bekannt für ihre Bildung und eiserne Disziplin. |
| Elisabeth von der Pfalz | 1667 | Die „Philosophin“. Sie korrespondierte mit Descartes und machte Herford zum Denker-Zentrum. |
Ein duftender Abschluss in St. Nektarios
Der Besuch der griechisch-orthodoxen Kirche war ein sinnlicher Höhepunkt. In der orthodoxen Liturgie sind reine Bienenwachskerzen vorgeschrieben. Der unvergleichliche Duft im Inneren erinnert uns an die spirituelle Tiefe unseres Handwerks. Während die Äbtissinnen in Stein bauten, sammelten ihre Bienen vermutlich in den damaligen Lindenbeständen und Heideflächen den Honig – ein kaiserlicher Genuss, der wohl fast so gut schmeckte wie unser heutiger Herforder Stadthonig!
Nach so viel Geschichte war die Stärkung in der Markthalle verdient. Zwischen „Schloss“ und „Stall“ fühlten wir uns fast selbst wie im Zentrum eines großen, fleißigen Bienenstaates.
Zum Nachdenken:
Hat jemand von euch in alten Urkunden oder Flurnamen (wie „Bienenkamp“ oder „Imkerwiese“) schon Hinweise auf die ehemaligen Kloster-Imkereien gefunden? Vielleicht entdecken wir bei der nächsten Tour ja sogar einen historischen Standort, an dem schon vor 800 Jahren der erste „Stiftshonig“ geschleudert wurde!
Ein gelungener Nachmittag – danke, Mathias.

























