
Wie der Schwarmtrieb im Bien entsteht — und was Pheromone, Spielnäpfchen und ein uralter Instinkt damit zu tun haben.
Wenn im Frühjahr Tausende Bienen wie ein einziger Organismus aus dem Flugloch strömen, erleben wir einen der eindrucksvollsten Momente der Natur — die Fortpflanzung des Superorganismus Bienenvolk durch Schwärmen.
Der Bien als Superorganismus: Vermehrung durch Teilung
Ein Bienenvolk ist kein bloßes Zusammenleben vieler Einzeltiere. Es ist ein Superorganismus — ein Kollektiv, das als Ganzes denkt, reguliert und sich fortpflanzt. Die einzelne Arbeiterin ist dabei, überspitzt formuliert, wie eine Körperzelle: Sie erfüllt ihre Aufgabe, aber lebensfähig ist sie nur im Verband. Ihre genetische Weitergabe geschieht ausschließlich über die Königin und die Drohnen des Volkes.
Die Fortpflanzung des Superorganismus geschieht nicht durch Einzeltiere, sondern durch Teilung des gesamten Volkes. Der Schwarm ist damit das biologische Äquivalent zur Zellteilung — das alte Volk teilt sich, ein neues Volk entsteht. Die alte Königin zieht mit etwa der Hälfte der Bienen aus; zurück bleibt ein Restnest, das mit einer neuen Königin die Kolonie weiterführt.
„Der Schwarm ist nicht der Untergang des Volkes — er ist seine Vermehrung.”
Diese Form der Reproduktion sichert die genetische Vielfalt: Jede neue Königin wird mit verschiedenen Drohnen verpaart, jedes neue Volk trägt eine einzigartige Kombination des Erbguts. Der Schwarmtrieb ist damit keine Fehlfunktion, kein Versagen des Imkers — sondern der Inbegriff biologischer Vitalität.
Die Rolle der Pheromone: Wenn die Königin an Einfluss verliert
Das Funktionieren des Superorganismus beruht maßgeblich auf chemischer Kommunikation. Die Königin produziert ein Gemisch aus Botenstoffen — den sogenannten Königinnenpheromonen oder Königinnensubstanz (Queenright-Pheromon, 9-ODA). Diese Substanzen haben eine zentrale Funktion: Sie unterdrücken den Bautrieb für Weiselzellen und regulieren das Verhalten der Arbeiterinnen.
Solange ein junges, vitales Volk mit wenigen Tausend Bienen besteht, verteilen die Arbeiterinnen die Königinnensubstanz effizient durch gegenseitige Futtersaftweitergabe – das sogenannte Trophallaxis-Netzwerk. Jede Biene weiß dadurch, dass eine gesunde Königin vorhanden ist.
Biologischer Hintergrund
Die Königinnensubstanz (trans-9-Oxo-2-decensäure, kurz 9-ODA) ist das wichtigste Einzelpheromon im Volk. Sie hemmt die Eierstockentwicklung der Arbeiterinnen und unterdrückt den Weiselzellenbau.
Mit zunehmender Volksstärke sinkt die Konzentration pro Biene — nicht weil die Königin weniger produziert, sondern weil schlicht mehr Empfängerinnen vorhanden sind. Der Schwellenwert wird unterschritten — das Volk „meint”, die Königin sei erschöpft oder krank.
Im Frühjahr, wenn das Volk auf bis zu 60.000 Bienen angewachsen ist, reicht die Menge der Königinnensubstanz nicht mehr aus, um alle Arbeiterinnen chemisch zu erreichen. Bienen in den äußeren Wabengassen nehmen die Substanz kaum noch wahr. Das Signal „starke, gesunde Königin” verblasst — und das Volk beginnt, auf Schwärmvorbereitungen umzuschalten. Die Bienen reagieren nicht auf die objektive Qualität der Königin, sondern auf die Konzentration eines chemischen Signals. Natur ist Biochemie.
Vom Spielnäpfchen zur Weiselzelle: Der Zeitplan der Natur
Die Vorbereitung auf den Schwarm beginnt Wochen bevor er stattfindet — mit dem Bau von Spielnäpfchen. Diese kleinen, becherförmigen Wachsgebilde sind die potenziellen Wiegen künftiger Königinnen. Solange sie leer bleiben, sind sie ein biologisches Signal: Das Volk hält sich die Option offen.
Erst wenn die Arbeiterinnen beginnen, Eier in diese Näpfchen zu legen — oder die Königin dazu veranlasst wird — startet der irreversible Prozess. Die Weiselzelle wächst, wird mit Gelee Royale versorgt und die Larve darin zur künftigen Königin herangezogen.
- Tag 0: Spielnäpfchen werden gebaut — Schwarmvorbereitungen beginnen, Volk zieht mehr Drohnen auf
- Tag 1–3: Eier werden in Weiselzellen gelegt; Königin beginnt an Gewicht zu verlieren (Flugfähigkeit)
- Tag 8: Weiselzellen werden verdeckelt; Schwarm steht unmittelbar bevor
- Tag 9–11: Schwarm zieht aus — mit der alten Königin und 40–60 % der Bienen
- Tag 16: Erste Jungkönigin schlüpft im Restnest; sie sticht rivalisierende Weiselzellen ab
- Tag 20–24: Jungkönigin unternimmt Begattungsflüge; das neue Volk konsolidiert sich
Der gesamte Prozess folgt einem Zeitplan, der über Jahrmillionen der Evolution verfeinert wurde. Das Volk trifft keine bewusste Entscheidung — und dennoch reagiert es mit bemerkenswerter Präzision auf innere Signale: die Konzentration von Pheromonen, die Brutmenge, die Populationsdichte, die Nektartracht.
Für den Imker liegt in diesem Verständnis der Schlüssel zur Schwarmkontrolle. Wer den Schwarmtrieb bekämpfen will, ohne seine biologischen Ursachen zu kennen, kämpft gegen die Natur — und verliert. Wer ihn versteht, kann mit ihm arbeiten: durch Ablegerbildung, Wabenerweiterung und das rechtzeitige Kontrollieren von Spielnäpfchen. Der Schwarm ist kein Problem. Er ist eine Einladung, den Superorganismus in seiner ganzen Logik zu begreifen.




